Rüdiger | Der Klappenneid

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Kapitel 2

Welcher Hund kennt das nicht, wenn der Dosenöffner mit den Worten "sei schön brav, ich bin bald wieder zurück" das Haus schon vor Stunden verlassen hat, Rüdiger und so langsam die Ungeduld bemerkenswerte Ausmaße anzunehmen beginnt. Auch das Verdauungssystem hat bereits vor geraumer Zeit seinen finalen Arbeitsgang abgeschlossen und erwartet nun vom Inhaber in einer absehbaren Frist die Schließmuskelkontrolle zu übernehmen. Wenn also nicht bald des Dosenöffners Schlüssel in der Haustür das Geräusch der wiederkehrenden Freiheit durch den Flur erklingen lässt, wird sich für alle Bewohner dieser Hütte eine unangenehme Situation einstellen.

Mein Dosenöffner hat mich, oder sollte ich besser sagen uns, schon zweimal in eine solche beschissene Situation gebracht. Wer beschmutzt schon gerne das eigene Nest!? Und mit Beschmutzen meine ich jetzt nicht das Veredeln von frischem Pansen. Wer sich mit Pansen auskennt, weiß, dass Pansen durch eine lange Reifezeit, ähnlich wie bei einem holländischen Käse, enorm an Qualität gewinnt.
Als ich das letzte Mal von meinem Dosenöffner frischen Pansen serviert bekommen habe, deportierte ich das gute Zeug in einem unbeobachteten Moment schnell aus dem Napf in der Küche in den Bettkasten im Gästezimmer. Leider flog damals meine Bevorratung nach fast einem Monat auf. Das war ärgerlicherweise kurz vor dem Abschluss des Veredelungsprozesses. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt musste nämlich der Dosenöffnerbruder zu Besuch kommen. Und der wurde dann natürlich im Gästezimmer einquartiert. Als mein Dosenöffner die Tür zum Gästezimmer öffnete, drang sofort dieser paradiesische Geruch in meine Nase, der aber fälschlicherweise von den beiden Brüdern als widerlicher, bestialischer Gestank bezeichnet wurde.
Einer der beiden riss sofort das Fenster auf, und der andere machte sich über den Bettkasten her, aus dem schon eine Vielzahl der kleinen Veredelungshelfer gekrochen kamen. Den wunderbaren Pansen, der inzwischen in die Premiumklasse aufgestiegen war, habe ich nicht mehr zu sehen bekommen. Die beiden Banausen haben alles weggeschmissen. Das war schon mehr als bedauerlich. Aber darum geht es ja gar nicht. Die Sache mit dem abgebrochenen Veredelungsprozess wollte ich nur am Rande erwähnen.

Rüdiger Gehen wir wieder zur Ausgangssituation zurück: Dosenöffner seit Stunden weg - Verdauungsapparat wartet auf Schließmuskelbetätigung des Inhabers. Wer sich jetzt beschwert, dass ich vom Hölzchen aufs Stöckchen komme, dem sei in Erinnerung gerufen, dass ich ein Hund bin. Also wer keinen Zusammenhang zwischen Hund und Stöckchen herstellen kann, sollte sich nicht weiter in der Rüdiothek aufhalten.

Inzwischen fängt es bereits an zu dämmern. Ewig sitze ich jetzt schon auf der Fensterbank im Wohnzimmer. Das ist der einzige Platz, von dem aus die Straße und die Garageneinfahrt einzusehen ist. Doch weit und breit ist nichts von Dosi, so werde ich ab jetzt meinen Dosenöffner der Einfachheit halber nennen, zu sehen. Das letzte Mal, als Dosi so spät wieder aufgetaucht ist, hatte er sich in der Stadt dem unkontrollierten Genuss von Alkohol hingegeben. Irgendwann, mitten in der Nacht, wurde er damals von zwei seiner Kumpels nach Hause gebracht und im Vorgarten abgelegt. Da er im Suff seinen Haustürschlüssel verloren hatte, blieb ihm der Zugang und mir damit der Verdauungsspaziergang verwehrt. Nachdem er sich von unserer Nachbarin am darauf folgenden Morgen mit dem bei ihr für solche und andere Fälle deponierten Ersatzschlüssel die Tür hatte öffnen lassen, hatte ich bereits alles, was es zu erledigen gab, in der Badewanne verrichtet. Diese Keramik wäre jetzt eigentlich auch wieder mein Anlaufpunkt gewesen, wenn es mir möglich wäre, ins Bad zu gelangen.
Badewanne Normalerweise stellen geschlossene Türen für mich kein unüberwindbares Hindernis dar. Indem ich an die Klinke springe, öffnet sich für mich schnell jede Tür. Da Dosi vor ein paar Monaten aber aus fahrlässiger Unachtsamkeit heraus ein Überlaufen der Badewanne verursacht hat, wonach sich der Türrahmen durch die eingedrungenen Wassermassen ziemlich verzogen hat, klemmt die Tür jetzt. Und für mich ist es nicht machbar, die Türklinke anzuspringen und gleichzeitig der Tür einen kräftigen Tritt zu versetzen. So macht es Dosi jedenfalls, um ins Bad zu kommen. Selbstverständlich braucht er nicht die Türklinke anzuspringen - logisch.

Wie sehr beneide ich jetzt Viktoria. Sie hat von ihrem Personal eine Katzenklappe in die Kellertür eingebaut bekommen, was für Viktoria grenzenlose Freiheit bedeutet. So ist es ihr sogar möglich, mal ein paar Gäste mit nach Hause zu bringen. Von ihrem Personal wird das zwar nicht besonders geschätzt, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Jetzt muss was passieren. Von Dosi immer noch keine Spur. Herrje, wenn ich den Darminhalt noch länger zurückhalten muss, platze ich. Da sehe ich, wie Chantal, eine sehr attraktive Australian Terrier-Dame, um die Ecke kommt und im Vorgarten unserer Nachbarin eine riesige Hinterlassenschaft aufhäuft. Oooh, wie wundervoll! Wie gerne wäre ich jetzt an ihrer Seite. Hundehaufen
So jetzt ist das Maß voll. Ich kann nicht mehr. Ich will gerade von der Fensterbank springen, um mir unter der Sitzecke in der Küche Erleichterung zu verschaffen, da sehe ich Dosis Auto in die Garageneinfahrt einbiegen. Oh Mann, verdient hat der Hammel es zwar nicht, aber ich gebe ihm jetzt noch eine Minute. Man ist ja kein Unhund. Und da, tatsächlich tut sich etwas an der Tür. In dem Moment, als Dosi die Tür öffnet, schieße ich ihm zwischen den Beinen hindurch und verschaffe mir die ersehnte Erleichterung neben der Fahrertür von Dosis Karre. Hoffentlich hat er bei dem Dämmerlicht nicht gesehen, wo ich die Tretmine platziert habe. Es würde ihm nämlich nichts schaden, wenn er die nächste Autofahrt entsprechend aromatisiert hinter dem Steuer verbringen muss.

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